Thomas Raab
Der Metzger geht fremd
368 Seiten, Piper
»Ein Sahnestückchen an Erzähllust …«, schreibt Der Standard. So ein Toter am Grund des Kurschwimmbeckens kann einem schon ziemlich die Laune verderben. Der Danjela Djurkovic jedenfalls. Ihrem Hilferuf folgt Willibald Adrian Metzger ein bisschen widerwillig in die Provinz – und findet unerwarteten Familienanschluss sowie bald auch einen abgetrennten Zeigefinger.
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Leseprobe
1
»Das größte Schwein ist der Mensch«, hat seine Mutter immer gesagt. Mittlerweile weiß der Metzger, dass diese Erkenntnis vor allem das Schwein beleidigt. Ganz abgesehen davon: So eine Sau schwitzt nicht, sie legt sich niemals ungeschützt in die Sonne, und es entspricht ihrem natürlichen Verhalten, immer dasselbe Plätzchen zum Erledigen ihres Geschäft s zu frequentieren. Menschen hingegen hinterlassen es überall, mit Vorliebe im Leben der anderen.
Eine Wagenladung Krempel, die bei Nacht und Nebel in einen fremden Sperrmüllcontainer hätte wandern sollen, kann also durchaus vom rechten Weg abkommen und sich als kleines Häufchen Elend vor die Werkstatt eines Restaurators verirren. Fluchend betrachtet Willibald Adrian Metzger das Werk seiner Artgenossen. Wenn unter all dem Ramsch, den er bisher mühselig mit seinem Freund, dem Hausmeister Petar Wollnar, und dessen Pritschenwagen zu entsorgen hatte, wenigstens ein einziges Mal eine Rarität zu finden gewesen wäre! Aber nein, die Menschen überlegen sich eben nicht nur sehr genau, was sie wegschmeißen, sie sind in ihrem Überfluss auch noch geizig. In Kellern oder auf Dachböden vermodernde wertvolle Antiquitäten gäbe es nämlich zuhauf.
So nimmt der Tag also seinen unerfreulichen Lauf, jetzt, wo dem Willibald beruflich ohnedies gewaltig der Hut brennt. Es dauert, bis all der Unrat in den Hof geräumt ist, und wie der Metzger schließlich schweiß gebadet das vorletzte Stück, eine tapezierte Kastentür, anhebt, eröffnet sich ein unverhoffter Anblick. Da amüsiert sich das Schicksal heute ja offenbar ganz besonders auf seine Kosten, so ein entsetzliches Abfallprodukt der Sechzigerjahre anzuliefern. Eines, das er aus Geschmacksgründen eigentlich gerne wegschmeißen würde, aus beruflichem Ethos aber nicht wegschmeißen darf. Für den Müll ist dieser hässliche schwarz lackierte Barschrank mit schwenkbarer weiß beschichteter Deckplatte, integriertem Kühlschrank und versenkbarem Tablett eindeutig zu schade. Jetzt hat er also sein Fundstück.
Widerwillig schleift der Metzger diese ihm zugedachte Designernotdurft in seine Werkstatt und widmet sich endlich seiner Arbeit. Und die könnte unerfreulicher nicht sein.
»So etwas mach ich nicht!«, wäre die richtige und vor allem ehrliche Antwort gewesen. Aber nein, ein: »Gerne, Frau Pollak« ist es geworden. Was hätte er auch tun sollen? Ein Restaurator muss sich um jeden seiner Auftraggeber bemühen, vor allem um die einträglichsten. Und weil das eben so ist bei den großen Geschäft en, dauert es nicht lange, und es geht los mit den kleinen Gefälligkeiten:
»So viel lassen wir bei Ihnen herrichten. Da bin ich mir ganz sicher, Sie können diese Kleinigkeit zwischendurch einfließen lassen!«, hat sie herablassend gemeint, die Frau Pollak. Das Einzige, was Willibald Adrian Metzger während der Arbeit zwischendurch einfließen lässt, ist ein gutes Achterl Rotwein.
Außerdem, was heißt Kleinigkeit? Gerade die Kleinigkeiten samt der dafür notwendigen Feinmotorik kosten einen Restaurator Zeit, auch wenn, wie in diesem Fall, das Ergebnis unnötiger nicht sein könnte. Der Metzger wüsste sich nämlich wirklich eine sinnvollere Tätigkeit, als mühsam zwei abgebrochene Pfeile eines geschnitzten, an einen Stamm gefesselten hei ligen Sebastian nachzubilden, nur damit der arme Kerl, wenn er als originelle Fünfziger-Überraschung in die Kanzlei Dr. Michael Pollak darf, einen schönen amtlich durchbohrten Eindruck hinter lässt.
Jetzt legt der Metzger aber grundsätzlich eine Gründlichkeit an den Tag, da könnten sich jene großen Zauberer, die innerhalb einer Legislaturperiode staatliche Gelder gründlich ins Nichts verschwinden lassen und wie aus dem Nichts diesen Geldern folgen, ein Beispiel nehmen. Folglich ist es am Spätnachmittag vorbei mit seiner Geduld. Verärgert schmeißt er das kleine Schnitzeisen auf die Werkbank, blickt sich mürrisch um, sieht den längst fälligen Gründerzeit-Schreibtisch einer verliebten Witwe, den wartenden Biedermeiersekretär eines ehemaligen Obersten und – den Barschrank.
Und weil sich so ein Stiefkind ja hervorragend dazu eignet, für diverse Unannehmlichkeiten sein Köpfchen hinhalten zu müssen, beschließt der Restaurator, nach einem Tag voll ärgerlicher Zeitvergeudung, entsprechend Hand anzulegen. Wie besessen beginnt er also die Deckplatte aufzupolieren. Der Schweiß tropft ihm von der Stirn, als säße er in der Sauna auf dem obersten Bankerl. Hurtig bewegen sich seine kräft igen Arme über die Oberfläche, bis er schließlich seinem Spiegelbild gegenübersteht: wohlbeleibt, in der zweiten Hälfte seines Lebens und allein. Bis auf das Alter hat er alles sich selbst zu verdanken, sein Übergewicht und sein Strohwitwerdasein.
Niedergeschlagen macht er sich nach getaner Arbeit auf den Heimweg. Es folgen eine ausgiebige Dusche, die nichts von seiner Schwermut wegwäscht, und ein diesbezüglich, so hofft er zumindest, erfolgreicherer Blaufränkischer. Willibald Adrian Metzger hockt in seinem Chesterfieldsofa und bemitleidet sich selbst. Mit dem Alleinsein ist es anders als mit dem Radfahren. Es ist verlernbar, und bei plötzlichem Auftreten bringt es uns aus dem Tritt. Niemals hätte er sich in seiner erst kurz zurückliegenden Existenz als Einzelgänger vorstellen können, eines Tages mit so einem Auf-sich-selbst-geworfen-Sein nichts anfangen zu können. Die Schulwartin Danjela Djurkovic und er leben zwar nicht zusammen, füllen ihre eigenen Kühlschränke und Speisekammern, haben zwar die Ersatzschlüssel zur Wohnung des anderen, sehen sich beinah täglich, nächtigen trotzdem unter der Woche jeder für sich im eigenen Doppelbett, und doch sind sie verbunden mit einer nicht mehr wegzudenkenden Selbstverständlichkeit, mit einer Ahnung von »Bis dass der Tod euch scheidet!«.
Wie sehr er sie vermisst. Denn jetzt ist sie weg, die Djurkovic, genauso wie ihr Hund, und dem Metzger bleiben nur das Selbstmitleid, der Rotwein und die Arbeit.
2
Was gibt es Schöneres als den geregelten Müßiggang, als die servierte Befriedigung aller Grundbedürfnisse inklusive professioneller medizinischer Betreuung? Und all das mitten im Grünen, vor glasklarem Binnengewässer am Fuße silbrig glänzender Berge.
Natürlich gibt es etwas Schöneres. Etwas Schöneres gibt es immer, und wenn etwas zur Gewohnheit wird, ist es ohnedies vorbei mit der ganzen Pracht. Frühstücks-, Mittags- und Abendbüfett, Massage-, Physio- und gelegentliche Psychobehandlungen, lupenreiner Satellitenempfang von über dreihundert Sendern, Leseecken mit breit gefächertem Lektüreangebot, ein monströses Doppelzimmer mit Traumbad inklusive Whirlpool, getrenntem Schlaf- und Wohnraum, beide mit märchenhaftem Blick auf den glasklaren See, und dazu jede Menge alleinstehender Männer – all das wird durchaus jenem Bild gerecht, welches sich Danjela Djurkovic in vergangenen Zeiten vom Paradies auf Erden so ausgemalt hat. Da gab es allerdings den Metzger noch nicht. Und jetzt?
Jetzt hockt sie da, allein, am Ende der Welt, zwischen gigantischen Nadelhölzern inmitten betagter Herren, die mit jeder Geste den Eindruck erwecken, sie müssten die Bereitwilligkeit zum ungezügelten Beweisakt ihrer immer noch intakten Manneskraft zur Schau stellen. Partnervermittlung ist ja keineswegs dem Grundsatz der Freiwilligkeit untergeordnet, viel eher gilt: »Was du nicht willst, dass man dir tu, das fügt dir jemand anderer zu.«
Das beginnt bei krampfhaft nach Ehepartnern suchenden Müttern, geht über den missionarischen Eifer ungefragt kuppelnder Freunde und endet beim ärztlichen Verordnungsschein zum Kuraufenthalt.
Begeistert war sie also nicht über diese Zuweisung, die Djurkovic, vor allem nach ihrem ohnedies so langen Spitalsaufenthalt: »Gerade jetzt, wo bin ich zu Hause bei diese Metzger-Einzelgänger! Is nix gut, vielleicht kriegst du wieder Gusta auf Einsiedelei?« Verschmitzt und mit unterwürfi gem Blick hat die Danjela dem Willibald zugelächelt, vielleicht in der Hoff nung auf ein: »Bleib doch zu Hause, die beste Kur erhältst du ohnedies bei mir!« Ohne Erfolg. Die alternative Metzger-Antwort dürfte ihr aber dennoch trotz der vorhandenen Nüchternheit irgendwie geschmeichelt haben: »Glaub mir, bevor ich dich nach einer Kur sitzen lass, passiert das eher umgekehrt!« Als hätte der Willibald bereits geahnt, wie sehr bei so einem Erholungsaufenthalt in der Wildnis das Wildern im Zentrum steht.
Die ersten zwei Wochen waren also für die Djurkovic trotz himmlischer äußerer Bedingungen die Hölle. So viele Komplimente, Aufwartungen und Einladungen, allesamt vorgetragen mit schmierigem Lächeln, hat die Danjela selbst in ihren besten Jahren nicht erhalten. Alles, was sie bisher dabei empfunden hat, war eine tiefe Sehnsucht nach einer Welt ohne Zahnprothesen.
Wenigstens fehlt es der Djurkovic nicht am Mut zur Lücke. Bei Gruppentherapien, diesem Schaulaufen vor versammelter Klientel, bleibt ihr Platz in der Reihe der angetretenen Teilnehmer leer. Da unternimmt sie lieber einen Spaziergang oder einen kurzen Badeausflug. Schwimmen geht die Djurkovic mittlerweile ausschließlich in den See, auch wenn der in diesem bis jetzt kläglich versagenden Sommer nur knapp an der Einundzwanzig-Grad-Marke kratzt. In das Becken des hauseigenen Hallenbads mit seinen unzähligen Sprudeln und Springbrunnen setzt sie nämlich keinen Fuß mehr, die Danjela, denn wer niemanden zum Kuscheln findet, kuschelt dort mit den Düsen.
Prof. Dr. Berthold, medizinischer Leiter des Kurhotels Sonnenhof, dem selbst angesichts seines Räusperticks ein betreuter Urlaub in einem Psychosomatik-Therapiezentrum recht gut täte, hat der Djurkovic zwar während eines Vieraugengesprächs streng erklärt, die Unterwassertherapie mit ihrer einzigartigen Mischung aus Auftrieb und Widerstand sei eine der Grundsäulen der Rehabilitation. Die Danjela hat daraufhin jedoch gemeint: »Grund für meine Widerstand, Herr Doktor, ist gerade wegen einzigartige Auftrieb! Bei dem, was da kommt an Oberfläche oder was schwimmt in Wasser, bin ich mehr krank nach Wassertherapie als vor Wassertherapie!« Was den einzigartigen Auftrieb betrifft , wird die Djurkovic noch ganz schön ins Strudeln kommen, auch ohne Düsen.
Zum Glück hat da am dritten Tag ihres Aufenthalts eine Düse der ganz anderen Art ihre Bahn gekreuzt: Helene Burgstaller. Und das beinah im rechten Winkel. Denn bei der mit geschlossenen Augen durchzuführenden einbeinigen Gleichgewichtsübung im Gymnastikraum ist dieses schlagfertige Prachtweib nach einigen verzweifelten Ruderbewegungen quer auf der ausgerollten grünen Schaumstoff matte vor der Djurkovic zum Liegen gekommen.
»Schade, dass wir sind nur Frauengruppe, hätten Männer sicher große Freude mit so bereitwillige Umfaller auf Matratze!«
»Das wäre für mich dann allerdings wieder eine Übung mit geschlossenen Augen. Denn mit offenen ist mir in diesem Haus die Aussicht auf Sie bedeutend lieber!«, so die Antwort der Burgstaller und der Beginn einer wohltuenden, von übereinstimmendem Sarkasmus dominierten, sehr begrenzten Lebensabschnittspartnerschaft. Seither betreiben die beiden zu zweit, in einem Eck des gigantischen Speisesaals sitzend, als kleinst mögliche Selbsthilfegruppe dreimal täglich eine nicht zu überhörende Unterhaltungstherapie, lautstark ihre eigene Grundsäule der Rehabilitation demonstrierend: Lachen ist die beste Medizin.
Und weil aus diesem Winkerl ein stetes Prusten und Gackern über die Köpfe der Anwesenden hinwegfegt, hat sich der Bekanntheitsgrad der beiden mittlerweile flächendeckend auf den Speisesaal und somit das gesamte Kurhotel ausgebreitet.
Was abermals zu einem Gespräch, diesmal unter sechs Augen, mit Prof. Dr. Berthold und einer weiteren Ergänzung der Djurkovic-Rehabilitationsgrundsätze geführt hat: Ist der Ruf einmal ruiniert, lebt es sich völlig ungeniert. Bei Danjela betrifft diese Schamlosigkeit hauptsächlich die Einhaltung, oder eigentlich die Nichteinhaltung, der Hausordnung. Ungeniert im eigentlichen Wortsinn leben nach wie vor eher die triebgesteuerten Kurgäste. Und während die Allgemeinheit zu später Stunde in den Gemeinschaft sräumen herumhängt, an der Hausbar ein Gläschen trinkt oder sich zur Ruhe oder wohin auch immer legt, durchquert die Djurkovic heimlich das leere Hallenbad, schleicht durch den Wellnessbereich, betritt den angrenzenden Ruheraum, setzt sich mut ter seelenallein in eine der fulminanten Entspannungsliegen und beobachtet die Fische in dem überdimensionalen Salzwasseraquarium. Seit dem zweiten Abend ihres Aufenthalts betreibt sie diese kleine Unanständigkeit gegenüber der Sperrzeit des Badebereichs.
So auch heute. Eine beinah gespenstische Stille liegt über dem spiegelglatten Schwimmbecken. Dezent quietschend verhallen die Schritte ihrer Gummibadeschlapfen über den sauberen Steinboden. Auffällig sauber, wie Danjela Djurkovic mit ihrem diesbezüglich professionellen Auge bemerkt. So eine Schulwartin ist nämlich nicht nur Stiegenhausdirektorin, Schlapfensheriff oder Nikotinspitzel, sondern auch noch die Putzfrau ihrer Arbeitsstätte – ein wahres Multitaskingtalent. Durchaus mit Bewunderung für die Gründlichkeit der hiesigen Reinigungskräfte registriert die Djurkovic, dass da kein Tropfen am Boden neben dem Schwimmbecken übersehen wurde. Staubtrocken und blitzblank glänzen die braunmelierten Natursteinplatten. Dann öffnet sie die Tür zum Ruheraum und begrüßt die Fische. Die Lautlosigkeit hat etwas beinah Hypnotisches. Einige der kleineren Fische verharren in einer regungslosen Position im Wasser und treiben still über dem nachgebauten Korallenriff . Sie scheinen mit offenen Augen zu schlafen. Oder zu meditieren?, geht es der Djurkovic durch den Kopf. Ihren Körper hat sie mittlerweile mit seiner ganzen Schwerfälligkeit der Entspannungsliege anvertraut. Warum treiben Fische nicht an Oberfläche? Wovon träumt so eine Viecherl, wenn schläft? Wie lange lebt so eine Fisch? Kann Fisch sehen aus Aquarium, bis zu mir?
Copyright © 2009
Piper Verlag GmbH, München
ISBN 978-3-492-05308-2
Verwendung mit freundl. Genehmigung im Rahmen der Aktion "Buchliebling 2010"
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