Dan Brown
Das verlorene Symbol
765 Seiten, Lübbe
Washington, D.C.: In der amerikanischen Hauptstadt liegt ein sorgsam gehütetes Geheimnis verborgen, und ein Mann ist bereit, dafür zu töten. Doch dazu benötigt er die Unterstützung eines Menschen, der ihm freiwillig niemals helfen würde: Robert Langdon, Harvard-Professor und Experte für die Entschlüsselung sowie Deutung mysteriöser Symbole.
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Leseprobe
Kapitel 1
In dem Otis-Aufzug, der an der Südseite des Eiffelturms hinauffuhr, drängten sich die Touristen. In der beengten Kabine blickte ein seriös gekleideter Herr auf den Jungen neben ihm hinunter. „Du siehst blass aus. Du hättest lieber unten bleiben sollen.“
„Ach, mir geht’s gut ...“, antwortete der Junge, bemüht, seine Angst in den Griff zu bekommen. „Ich steig auf der nächsten Etage aus.“ Der Mann beugte sich tiefer zu dem Jungen. „Ich dachte, du hättest deine Angst überwunden.“ Er strich dem Kind zärtlich über die Wange.
Der Junge schämte sich, weil er seinen Vater enttäuscht hatte, doch durch das Klingeln in seinen Ohren konnte er kaum etwas hören.
Ich krieg keine Luft. Ich muss hier raus! Der Fahrstuhlführer sagte irgendetwas Beruhigendes über Pendelschaftkolben und Puddeleisenkonstruktion, doch der Junge blickte voller Furcht auf die Straßen von Paris, die sich tief unter ihnen in sämtliche Richtungen erstreckten. Wir sind fast da, sagte er sich im Stillen, legte den Kopf in den Nacken und blickte hinauf zur Ausstiegsplattform. Halt durch! Als die Kabine sich steil auf die obere Aussichtsplattform zu bewegte, verengte sich der Schacht. Die massiven Stützen wuchsen zu einem engen, senkrecht in die Höhe führenden Tunnel zusammen.
„Dad, ich glaub nicht ...“
Plötzlich ein Knall. Noch einer. Und noch einer. Der Aufzug ruckte, neigte sich gefährlich zur Seite. Zerrissene Kabel peitschten um die Kabine, wild zuckend wie gereizte Schlangen. Der Junge griff Hilfe suchend nach der Hand seines Vaters.
„Dad!“
Ihre Blicke trafen sich eine Schrecksekunde lang. Dann sackte der Fußboden unter ihren Füßen weg, und der Lift schoss in die Tiefe ... Mit einem Ruck schreckte Robert Langdon in seinem weichen Ledersitz aus dem Halbdämmern seines Tagtraums. Er saß ganz allein im großzügig bemessenen Passagierraum eines Falcon-2000EX-Firmenjets, der soeben von Turbulenzen durchgeschüttelt wurde. Im Hintergrund summten im Gleichklang die zwei Pratt-&-Whitney-Triebwerke. „Mr. Langdon?“ Der Lautsprecher in der Decke knisterte. „Wir setzen jetzt zur Landung an.“
Langdon richtete sich auf und schob seine Vortragsnotizen zurück in die lederne Umhängetasche. Er war mit einer Rekapitulation freimaurerischer Symbolik beschäftigt gewesen, als seine Gedanken abgedriftet waren. Der Traum über seinen verstorbenen Vater war, so vermutete er, auf die unerwartete Einladung durch seinen langjährigen Mentor Peter Solomon zurückzuführen.
Der andere Mann, den ich niemals enttäuschen will. Der achtundfünfzigjährige Philanthrop, Historiker und Wissenschaftler hatte Langdon vor nahezu dreißig Jahren unter seine Fittiche genommen und damit in mancher Hinsicht die Leere gefüllt, die nach dem Tod von Langdons Vater entstanden war. Wenngleich Solomon einer einflussreichen Familiendynastie angehörte und über immensen Reichtum verfügte, hatte Langdon in den sanften grauen Augen dieses Mannes Demut und Wärme gefunden.
Draußen war die Sonne bereits untergegangen, doch durch das Fenster konnte Langdon noch die schlanke Silhouette des größten Obelisken der Welt ausmachen, der wie der Zeiger einer riesigen Sonnenuhr am Horizont aufragte. Das 555 Fuß hohe Monument markierte das Herz der Nation. Um den Obelisken herum erstreckten sich die geometrischen Kraftlinien der Straßen und Bauwerke der Stadt. Selbst aus der Luft strahlte Washington, D.C., eine beinahe mystische Macht aus.
Langdon liebte diese Stadt. Als der Jet auf der Landebahn aufsetzte, spürte er eine wachsende Erregung bei dem Gedanken daran, was vor ihm lag. Die Maschine rollte zu einem privaten Terminal auf der weiten Fläche des Dulles International Airport und kam zum Stehen. Langdon packte seine Sachen, dankte den Piloten und trat aus dem luxuriösen Innern des Falcon hinaus auf die Gangway. Die kalte Januarluft war eine Wohltat. Tief durchatmen, Robert, sagte er sich, erleichtert über die Weite der Umgebung.
Eine weiße Nebeldecke wogte über dem Boden. Langdon hatte das Gefühl, sich einem Sumpf zu nähern, als er zum nebligen Asphalt hinunterstieg. „Hallo!“, rief eine singende Stimme mit britischem Akzent. „Hallo! Professor Langdon?“
Langdon blickte auf und sah eine Frau mittleren Alters mit einem Abzeichen und einem Klemmbrett auf ihn zueilen, wobei sie freudig winkte. Lockiges blondes Haar lugte unter einer modischen Strickmütze hervor.
„Willkommen in Washington, Sir.“ Langdon lächelte. „Vielen Dank.“
„Mein Name ist Pam, Sir, vom Passagierservice!“ Die Frau sprach mit einem Überschwang, der fast schon auf die Nerven ging. „Wenn Sie bitte mit mir kommen wollen, Sir, Ihr Wagen steht bereit.“
Langdon folgte ihr über die Rollbahn zum Signature-Terminal, der von funkelnden Privatjets umgeben war. Ein Taxistand für die Reichen und Berühmten. „Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen lästig falle, Professor“, sagte die Frau, „aber sind Sie der Robert Langdon, der die Bücher über Symbole und Religion schreibt?“ Langdon zögerte und nickte dann. „Hab ich’s mir doch gedacht!“, verkündete sie strahlend. „Mein Lesekreis hat Ihr Buch über das göttlich Weibliche und die Kirche gelesen! Hat ja für einen schönen Skandal gesorgt! Es macht Ihnen wohl Spaß, den Fuchs im Hühnerstall zu spielen?“
Langdon lächelte. „Das war nie meine Absicht.“ Die Frau schien zu spüren, dass Langdon nicht in der Stimmung war, über sein Werk zu diskutieren. „Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht vollquatschen. Ich kann mir denken, dass Sie es leid sind, erkannt zu werden ... aber das ist ja Ihre eigene Schuld.“ Neckisch wies sie auf seine Kleidung. „Ihre Uniform hat Sie verraten.“
Meine Uniform? Langdon blickte an sich hinunter. Er trug seinen gewohnten anthrazitfarbenen Rollkragenpullover, ein Harris-Tweed-Jackett, eine Khakihose und Halbschuhe aus Korduanleder – seine übliche Kleidung für den Hörsaal, Vortragsreisen, Autorenfotos und gesellschaftliche Anlässe. Die Frau lachte. „Ihr Rolli ist völlig aus der Mode. Außerdem würde eine Krawatte Ihnen viel besser stehen!“ Nur über meine Leiche, dachte Langdon. Bloß kein Galgenstrick.
In der Phillips Exeter Academy, die er besucht hatte, waren Krawatten Pflicht gewesen, und trotz der romantischen Vorstellungen des Direktors, der Urspung dieser Halszierde ginge auf die seidenen fascalia zurück, die von römischen Rednern getragen wurden, um ihre Stimmbänder zu wärmen, wusste Langdon, dass das Wort Krawatte sich etymologisch von einer brutalen Bande „kroatischer“ Söldner herleitete, die sich Halstücher umgeknüpft hatten, bevor sie in die Schlacht gestürmt waren. Bis heute wurde diese alte Kriegstracht Tag für Tag von modernen Bürokriegern angelegt, um ihre Feinde beim Kampf an den Konferenztischen einzuschüchtern.
„Vielen Dank für den Hinweis“, sagte Langdon mit einem Glucksen. „Ich werde es mir für die Zukunft merken.“
Zum Glück stieg in diesem Augenblick ein elegant gekleideter Mann in dunklem Anzug aus einem funkelnden Lincoln Town Car, der nahe dem Terminal parkte, und hob den Finger. „Mr. Langdon? Ich bin Charles von Beltway Limousine.“ Er öffnete die hintere Beifahrertür. „Guten Abend, Sir. Willkommen in Washington.“
Langdon drückte Pam für ihre Freundlichkeit ein Trinkgeld in die Hand und stieg ins feudale Innere des Town Car. Der Fahrer zeigte ihm den Temperaturregler, die Mineralwasserflaschen und das Körbchen mit heißen Muffins. Sekunden später rauschte Langdon auf einer privaten Zufahrtsstraße davon. Schön, mal wieder wie einer von den oberen Zehntausend zu leben.
Als der Fahrer den Wagen den Windsock Drive hinauf beschleunigte, konsultierte er seinen Auftragszettel und tätigte einen kurzen Anruf. „Hier Beltway Limousine“, sagte er in geschäftsmäßigem Tonfall. „Ich sollte bestätigen, dass mein Passagier gelandet ist ...“ Er machte eine Pause. „Ja, Sir. Ihr Gast, Mr. Langdon, ist angekommen. Ich setze ihn um neunzehn Uhr am Capitol Building ab. Gern geschehen, Sir.“
Langdon konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Nichts dem Zufall überlassen. Peter Solomons Aufmerksamkeit fürs Detail war eine seiner größten Stärken; nur sie machte es ihm möglich, seine nicht unwesentliche Macht mit scheinbarer Mühelosigkeit auszuüben. Ein paar Milliarden Dollar auf der Bank schaden dabei auch nicht.
Langdon ließ sich in den weichen Ledersitz sinken und schloss die Augen, als die Geräusche des Flughafens hinter ihm verklangen. Das U.S. Capitol war eine halbe Stunde entfernt, und er war froh, dass ihm ein wenig Zeit blieb, seine Gedanken zu ordnen. Alles war heute so schnell gegangen, dass er erst jetzt in Ruhe über den unglaublichen Abend nachdenken konnte, der vor ihm lag. Ankunft unter dem Schleier der Geheimhaltung, ging es ihm durch den Kopf. Die Vorstellung erheiterte ihn.
Zehn Meilen vom Capitol Building entfernt traf eine einsame Gestalt ungeduldig die letzten Vorbereitungen für Robert Langdons Ankunft.
Copyright © 2009
Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG
ISBN 978-3-7857-2388-3
Verwendung mit freundl. Genehmigung im Rahmen der Aktion "Buchliebling 2010"
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