Donna Leon
Das Mädchen seiner Träume
352 Seiten, Diogenes
Das Mädchen seiner Träume. Commissario Brunettis siebzehnter Fall
Ein Mädchen treibt tot im Canal Grande und wird von niemandem vermisst. Brunetti aber geht die Elfjährige bis in die Träume nach. Aus einem venezianischen Palazzo kommt sie nicht, wohl aber aus einer Roma-Wagenburg auf dem Festland ...
Werbung
Leseprobe
Ein helles, zerzaustes Etwas trieb, algengleich, etwa einen Meter links von der Treppe im Wasser. Was immer es war - der Regen, der aufs Wasser prasselte, machte es unkenntlich.
Eine Plastiktüte? Zeitungsfetzen? Dann, nicht weit entfernt, noch etwas. Ein Fuß. Er war ganz deutlich zu sehen: ein kleiner Fuß und, darüber, ein Knöchel.
»Bringen Sie mich zur Calle Traghetto«, wies Brunetti den Bootsführer an. »Ich versuche, von dort aus ranzukommen.« Schweigend legte Foa vom Ufer ab und fuhr den Kanal entlang bis zur Landungstreppe am Ende der nächsten calle.
Da gerade Ebbe war, ragten die beiden mit Algen bewachsenen Stufen zur Gasse hinauf aus dem Wasser. Brunetti hatte die Wahl: Entweder er versuchte, mit einem Sprung auf die vom Regen schlüpfrige Uferbefestigung zu hechten; oder er erklomm, auf Vianellos Arm gestützt, die algenbedeckten Tritte. Er entschied sich für Letzteres, erschrak aber heftig, als sein rechter Fuß gleich auf der ersten Stufe wegrutschte und gegen die Treppenwand prallte. Er taumelte nach vorn und wäre ohne Vianellos eisernen Griff im Wasser gelandet. Brunetti versuchte, sich mit der freien Hand abzustützen, doch auch sie glitt auf dem Algenbelag aus und schlug gegen die Treppenwand. Sobald er festen Boden unter den Füßen und den Regen auf seinem Rücken spürte, hielt er inne, bis das Zittern in seinen Knien nachließ.
Hinter ihm stieß ein Wellenschlag das Boot mit dumpfem Prall gegen die Uferbefestigung. Brunetti wandte sich nach Vianello um und half nun ihm beim Aussteigen. Ohne abzurutschen, erklomm der Ispettore die Stufen, und Brunetti stützte ihn, bis auch er sicher oben anlangte.
Sie gingen bis zur nächsten Ecke, bogen zweimal kurz hintereinander rechts ab und wandten sich wieder Richtung Kanal. Als sie ans Wasser gelangten, waren die Schultern ihrer Jacken triefnass. Foa hielt sich mit dem Boot ein Stück weit vom Ufer entfernt in Bereitschaft.
Brunetti tastete sich an der Hausmauer entlang und spähte angestrengt ins Wasser. Das schemenhafte Bündel war noch da, trieb rechts von ihm etwa einen Meter neben der untersten Stufe. Von dort aus müsste es, wenn Vianello ihn sicherte, erreichbar sein.
Er löste sich von der Mauer, setzte vorsichtig einen Fuß ins Wasser und nahm die Treppe in Angriff; das Wasser reichte ihm bis zu den Knien. Plötzlich war Vianello neben ihm und hielt sein linkes Handgelenk umklammert. Brunetti beugte sich nach rechts, holte weit aus und haschte nach dem lichten Schatten im Wasser. Klatschend landete das rechte Vorderteil seiner Jacke im Wasser, während ihm das eisige Nass bis zu den Oberschenkeln reichte. Seide! Es fühlte sich an wie Seide. Brunetti schlang seine Finger um die Strähnen und zog sachte daran. Er spürte keinen Widerstand und zog, während er sich aufrichtete, das Gefecht mühelos näher. Als es so dicht herangetrieben war, dass er eine Stufe höher steigen konnte, breiteten die Seidensträhnen sich aus und umschlossen sein Handgelenk. Ein Frachtkahn tuckerte Richtung Rialto vorbei, ohne dass der Mann am Steuer von den Männern am Ufer Notiz nahm. Brunetti gab Vianello ein Zeichen, woraufhin der ihn losließ und neben ihn ins Wasser watete. Ein vorsichtiger Ruck Brunettis genügte, und das Bündel kam noch näher. Nicht weit von der trudelnden Seide erblickten sie wieder den Fuß. Dann schwappte die Kielwelle des Obstkahns herüber, der Fuß drehte sich und trieb langsam auf Vianello zu.
»Himmel hilf!«, murmelte der Inspektor. Er trat auf die untere Treppenstufe, bückte sich, umschloss den Knöchel mit der Hand und zog sachte daran. Mit regennassem Gesicht sah er zu Brunetti auf und sagte: »Ich mach das schon.« Brunetti ließ das Seidengespinst los, hielt sich aber dicht neben seinem Freund, um ihn festzuhalten, falls er auf dem glitschigen Algenteppich ausrutschte. Vianello beugte sich vor, schob beide Arme unter den Körper und hievte ihn aus dem Wasser. Ein langes Stück StoΣ baumelte von den Beinen herab und wickelte sich um Vianellos Hose. Mit der Leiche auf den Armen stieg der Inspektor rückwärts die Treppe hinauf an Land. Er und seine Last trieften vor Nässe. Ein paar Schritte vom Kanal entfernt ließ Vianello sich auf die Knie nieder und legte die Leiche vor sich auf dem Boden ab. Die lange Rockbahn schälte sich von seinen Beinen und glitt auf den Körper des Mädchens nieder. Ein Fuß steckte in einer billigen rosa Plastiksandale, der andere war bloß, aber ein paar helle Streifen auf der Haut zeigten an, wo die Riemchen sie vor der Sonne geschützt hatten. Die Jacke war bis zum Hals zugeknöpft, doch es gab nichts mehr, was sie hätte wärmen können.
Das Mädchen war klein und zierlich, mit blonden Haaren, die sich fächerförmig um ihren Kopf ausbreiteten. Brunetti blickte in ihr Gesicht, dann wieder auf die Füße und auf ihre Hände, bevor er sich endlich eingestand, dass sie noch ein Kind war.
Copyright © 2009
Diogenes Verlag AG Zürich
ISBN 978 3 257 06695 1
Verwendung mit freundl. Genehmigung im Rahmen der Aktion "Buchliebling 2010"
Werbung
