Paulo Coelho
Der Sieger bleibt allein
512 Seiten, Diogenes
Cannes, Filmfestival, 24 Stunden: die Schönen, Mächtigen und Reichen im Scheinwerferlicht. In Der Sieger bleibt allein führt uns Paulo Coelho die Abwege vor, auf die man gelangt, wenn man nicht dem eigenen individuellen Lebenstraum folgt, sondern falschen Träumen nachrennt.
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Leseprobe
3 Uhr 17
Die kompakte Beretta px4 ist etwas größer als ein Handy, wiegt etwa 700 Gramm und hat zehn Schuss. Klein und leicht, wie sie ist, zeichnet sich die Waffe unter der Kleidung nicht ab; daneben hat sie einen weiteren großen Vorzug: Das Projektil durchschlägt den Körper des Opfers zwar nicht, zerstört aber alles auf seinem Weg.
Die Chancen, einen Schuss mit diesem Kaliber zu überleben, sind relativ hoch. Es gibt Tausende von Fällen, in denen keine lebenswichtige Arterie durchtrennt wurde und das Opfer genügend Zeit hatte, zu reagieren und den Angreifer zu entwaffnen. Ein erfahrener Schütze kann jedoch zwischen einem schnellen Tod für sein Opfer – indem er zwischen die Augen oder auf das Herz zielt – und einem langsamen Tod wählen, indem er den Lauf der Waffe in einem bestimmten Winkel bei den Rippen ansetzt und abdrückt.
Das Opfer wird nicht gleich merken, dass es tödlich getroffen wurde – und versuchen, sich zu verteidigen, zu fliehen, um Hilfe zu rufen. Das Opfer hat noch Zeit, seinen Mörder zu erkennen, während seine Kräfte langsam schwinden und es, ohne dass es recht weiß, wie ihm geschieht, ohne größere sichtbare Blutungen zu Boden sinkt. Die Beretta px4 ist keine Waffe für Profis. Oder vielmehr, wie jemand vom britischen Geheimdienst im ersten James-Bond-Film anmerkt, während er dem Titelhelden seine alte Pistole abnimmt und eine neue übergibt: »Sie ist eher etwas für Frauen als für Spione.« Aber Igor ist kein Profi, und für das, was er vorhat, gibt es nichts Besseres.
Er hat seine Beretta auf dem Schwarzmarkt gekauft, die Waffe würde daher nicht identifizierbar sein. Im Magazin sind fünf Patronen, obwohl er nur eine einzige abschießen will, deren Spitze er vorher mit einer Nagelfeile kreuzweise eingekerbt hat. Sie würde, sobald sie auf etwas Festes traf, in vier Teile zerbersten.
Er wird die Beretta aber nur benutzen, wenn er keine andere Wahl hat. Er kennt andere Methoden, eine Welt auszulöschen, ein Universum zu zerstören, und sie würde die Botschaft ganz sicher verstehen, wenn er sein erstes Opfer getötet hatte. Sie würde wissen, dass er dies aus Liebe tat, keinerlei Groll hegte, sie zurücknehmen und ihr keine Fragen zu den vergangenen zwei Jahren stellen würde.
Er hofft, dass sechs Monate sorgfältiger Planung Erfolg bringen werden, ganz sicher aber kann er sich erst morgen sein. Er will die Erinnyen, die antiken Rachegöttinnen und Wächterinnen der sittlichen Ordnung mit ihren schwarzen Schwingen, über diese weiß-blaue Welt kommen lassen, in der Diamanten, Botox und schnelle Wagen tonangebend sind. Diese Träume von Macht, Erfolg, Ruhm und Geld – all das kann er von einem Augenblick zum nächsten zunichtemachen. Er hätte längst auf sein Zimmer gehen können, denn das Ereignis, auf das er gewartet hatte, ist schon um 23 Uhr 11 über die Bühne gegangen. Ein Mann war in Begleitung einer schönen Frau hereingekommen, beide in Abendgarderobe für eine weitere dieser Galas, die jeden Abend im Anschluss an die offiziellen Dinners veranstaltet werden und bes ser besucht sind als irgendeine der vielen Filmpremieren hier beim Festival in Cannes.
Igor hatte die Frau keines Blickes gewürdigt und sein Gesicht hinter einer französischen Zeitung versteckt (eine russische hätte Verdacht erweckt). Letztlich war diese Vorsichtsmaßnahme überflüssig gewesen, denn Frauen wie sie, die sich für die Königinnen der Welt halten, nehmen ihre Umgebung kaum wahr, sondern sind nur darauf aus, zu glänzen; sie blenden die anderen Frauen bewusst aus – weil deren möglicherweise wertvollerer Schmuck oder exklusivere Kleidung bei ihnen sonst Depressionen, schlechte Laune und Minderwertigkeitskomplexe auslösen.
Ihr elegant gekleideter Begleiter mit den ergrauten Schläfen war an die Bar gegangen und hatte einen Champagner bestellt, der angesagte Drink für eine Nacht, die viele Kontakte, gute Musik und einen wunderbaren Blick aufs Meer und auf die im Hafen ankernden Jachten versprach. Igor bemerkte, wie respektvoll der Mann sich benahm und dass er sich bei der Bedienung bedankte, als er die Gläser in Empfang nahm, und ein gutes Trinkgeld zurückließ. Die drei kannten sich. Igor verspürte eine ungeheure Freude, als das Adrenalin in sein Blut schoss. Am nächsten Tag würde er dafür sorgen, dass die Frau von seiner Anwesenheit erfuhr. Irgendwann würden sie einander wieder begegnen.
Und Gott allein wusste, wie diese Begegnung ausgehen würde. In einer Moskauer Kirche war eine Woche lang eine Reliquie der heiligen Magdalena gezeigt worden. Als orthodoxer Christ hatte Igor fünf Stunden lang Schlange gestanden, nur um, als er endlich vor der Reliquie stand, an ihrer Echtheit zu zweifeln. Dennoch hatte er dort vorn ein Gelübde abgelegt und einen Schwur getan. Und jetzt wollte er nicht wortbrüchig werden.
Er hatte zu der Heiligen gebetet, damit sie ihn beschütze und ihm helfe, sein Ziel ohne allzu viele Opfer zu erreichen. Und er hatte gelobt, bei einem bekannten Maler, der in einem Kloster in Nowosibirsk lebte, eine goldene Ikone in Auftrag zu geben, sobald alles vorüber und er wieder in seiner Heimat wäre.
Es ist drei Uhr morgens, und in der Bar des Hotels Martinez riecht es nach Zigaretten und Schweiß. Obwohl Jimmy, der an jedem Fuß einen andersfarbigen Schuh trägt, schon nicht mehr Klavier spielt und die Kellnerin todmüde ist, wollen die Gäste noch immer nicht gehen. Eine Stunde wollen sie unbedingt noch ausharren, denn vielleicht (hoffentlich) passiert ja endlich etwas.
Das Filmfestival von Cannes hat vor vier Tagen begonnen, und noch immer ist nichts passiert. An den verschiedenen Tischen der Bar hoffen alle das Gleiche: irgendeinem der Mächtigen dieser Welt zu begegnen. Die schönen Frauen warten auf einen Produzenten, der sich in sie verliebt und ihnen eine wichtige Rolle in seinem nächsten Film gibt. Ein paar Schauspieler unterhalten sich lachend und tun so, als ginge sie das alles nichts an, haben dabei aber immer den Eingang im Blick.
Jemand wird kommen. Jemand muss kommen. Die jungen Regisseure – den Kopf voller Ideen, ihre Lebensläufe, Seminararbeiten und an der Universität gedrehten Videos in der Tasche – warten auf einen Glücksfall: jemanden, der nach der Rückkehr von einem Fest einen leeren Tisch sucht, einen Kaffee bestellt, eine Zigarette anzündet und gerade offen für ein neues Abenteuer ist.
Wie naiv!
Selbst wenn so einer noch auf einen Nightcap hereinschauen würde, wäre das Letzte, was er hören wollte: »Ich habe hier ein neues Projekt, das noch niemand gemacht hat.« Doch die Verzweiflung täuscht den Verzweifelten. Hin und wieder betreten einige dieser Mächtigen die Bar, werfen einen Blick in die Runde und gehen dann hinauf auf ihre Zimmer. Sie machen sich keine Gedanken. Sie wissen, dass sie nichts zu befürchten haben. Die Mächtigen, die zur Superklasse gehören, sind nachtragend und kennen ihre Grenzen. Man gelangt nicht in ihre Welt, indem man andere austrickst – auch wenn das so kolportiert wird. Sollte es aber tatsächlich etwas Neues, Unerwartetes geben, das zu entdecken lohnt – sei es in der Welt des Films, der Musik, oder der Mode –, dann wird es durch Marktforschung ermittelt und nicht per Zufall in Hotelbars gefunden.
Die Angehörigen der Superklasse, die Reichen und Mächtigen, sind jetzt mit den Mädchen im Bett, die sie bei einer Party aufgetan haben und die alles mitmachen. Oder sie lesen online in den letzten Nachrichten nach, was darin über die Presseerklärung steht, die sie während des Tages abgegeben haben. Sie nehmen die unvermeidliche Schlaftablette und trinken Tee, der Abnehmen ohne Mühen verspricht. Sie füllen die Liste für das Frühstück auf dem Zimmer am nächsten Morgen aus und hängen sie dann über das »Nicht stören«-Schild am Türknauf. Die Angehörigen der Superklasse schließen die Augen und denken dabei: Hoffentlich kann ich schnell einschlafen, morgen habe ich um zehn Uhr einen Termin.
In der Hotelbar wissen alle, dass die Mächtigen im Hotel sind. Und wenn sie dort sind, haben sie selber eine Chance. Es kommt ihnen nicht in den Sinn, dass die Mächtigen nur mit anderen Mächtigen reden: Sie müssen sich hin und wieder treffen, zusammen essen und trinken, Festivals Glanz verleihen, der Illusion Nahrung geben, dass die Welt des Luxus und des Glamours für alle erreichbar ist, die genügend Mut haben, beharrlich eine Idee zu verfolgen. Sie müssen Kriege verhindern, wenn sie nicht lukrativ sind, und die Aggressivität zwischen Ländern oder Unternehmen anheizen, wenn sie spüren, dass ihnen das mehr Macht und mehr Geld bringen könnte. Sie müssen so tun, als seien sie glücklich, obwohl sie Sklaven ihres eigenen Erfolges geworden sind. Sie müssen darum kämpfen, ihren Reichtum und ihren Einfluss zu mehren, auch wenn sie schon viel von beidem haben. Denn aus Eitelkeit stehen die Angehörigen der Superklasse ständig in Konkurrenz miteinander und schauen immer auf den, der gerade ganz oben steht. In der Welt der Träume würden die Mächtigen jetzt noch auf ein Glas in der Bar bleiben und mit den Schauspielern, den Regisseuren, Stylisten und Schriftstellern reden, die dort mit vor Müdigkeit geröteten Augen herumsitzen und sich gleichzeitig fieberhaft überlegen, wie sie wieder in ihre gemieteten Zimmer in entlegenen Orten der Umgebung zurückkommen, von denen aus sie am nächsten Morgen erneut zu dem Marathon der Bittstellerei, der Jagd nach Chancen auf ein Treffen und Entgegenkommen aufbrechen.
In der wirklichen Welt aber sind die Mächtigen gerade dabei, ihre E-Mails zu checken, sich darüber zu beklagen, dass die Partys hier in Cannes alle immer gleich sind, dass die Freundin ihres Konkurrenten kostbareren Schmuck getragen hat als ihre eigene und dass dessen Jacht viel prächtiger ist als ihre, und sie fragen sich, wie das nur möglich ist. Igor hat niemanden, mit dem er sich unterhalten kann, aber er hat auch kein Interesse daran. Der Sieger bleibt allein. Igor ist der erfolgreiche Besitzer und Geschäftsführer einer Telefongesellschaft in Russland. Er hat schon vor einem Jahr die beste Suite im Martinez reserviert (Mindestreservierungsdauer ist zwölf Tage, unabhängig davon, wie lange man tatsächlich bleibt). Er ist am Nachmittag mit dem Privatjet gelandet, hat ein Bad genommen und ist anschließend hinunter in die Bar gegangen, um die beiden anderen zu sehen.
Eine Zeitlang wurde er von Schauspielerinnen, Schauspielern und Regisseuren gestört, doch er hat sich elegant aus der Affäre gezogen, indem er sagte:
»Don’t speak English, sorry. Polish.«
Oder:
»Don’t speak French, sorry Mexican.«
Jemand hatte versucht, ein paar Worte Spanisch zu sprechen, aber Igor hatte zu einer weiteren List Zuflucht genommen. Er trug Zahlen in ein Heft ein, um weder für einen Jour nalisten gehalten zu werden (die interessieren alle) noch für einen Menschen, der etwas mit dem Filmbusiness zu tun hat. Neben ihm lag eine russische Wirtschaftszeitung mit einem uninteressanten Manager auf dem Titelblatt. Die Stammkunden der Bar, die sich etwas auf ihre Menschenkenntnis einbilden, halten Igor für einen dieser Millionäre, die nach Cannes fahren, um sich eine Geliebte zu angeln, und lassen ihn in Frieden. Spätestens nachdem sich der Fünfte unter dem Vorwand an seinen Tisch gesetzt hat, es sei kein anderer Stuhl mehr frei, ist allen klar, dass der einsame Mann nicht ins Film- oder Modebusiness gehört und allerhöchstens als »Parfüm« tauglich ist.
»Parfüm« ist ein Codewort unter Schauspielerinnen und Starlets für hilfreiche Begleiter: »Parfüms« kann man leicht wechseln, und es gibt welche, die sich als wahre Schätze erweisen. »Parfüms« werden von den Schauspielerinnen erst in den letzten Tagen des Festivals angesprochen, wenn sie es aus eigener Kraft nicht geschafft haben, etwas Interessantes oder jemand Interessanten im Filmbusiness aufzutun. Also kann dieser merkwürdige, reich wirkende Mann noch warten. Alle wissen, dass man besser die Bar mit einem Mann verlässt, der sich als Filmproduzent erweisen könnte, als allein zum nächsten Event zu gehen und das immer gleiche Ritual zu wiederholen: trinken, lächeln (vor allem lächeln), so zu tun, als würde man niemanden ansehen, während das Herz schneller schlägt und die Zeit vergeht. Und es bleiben immer noch ein paar Abende mit besonderen Galas, zu denen sie nicht eingeladen wurden, die »Parfüms« aber schon. Die Schauspielerinnen und Starlets wissen genau, was die »Parfüms« zu ihnen sagen werden, denn sie sagen immer das Gleiche:
a) »Ich kann dein Leben verändern.«
b) »Viele Frauen würden gern an deiner Stelle sein.«
c) »Noch bist du jung, aber denk daran, was in ein paar Jahren sein wird. Jetzt ist der Augenblick, um in die Zukunft zu investieren.«
d) »Ich bin verheiratet, aber meine Frau . . .« (dieser Satz kann unterschiedlich enden: »ist krank«, »hat gedroht, sich umzubringen, wenn ich sie verlasse« usw.)
e) »Du bist eine Prinzessin und verdienst es, als solche behandelt zu werden. Ich wusste es nicht, aber jetzt wird mir klar, dass ich immer auf dich gewartet habe. Ich glaube nicht an Zufälle, darum sollten wir unserer Beziehung eine Chance geben.«
Das Spiel ist immer das gleiche. Es gilt, ein Maximum an Geschenken aus den »Parfüms« herauszuholen (nach Möglichkeit Schmuck, der verkauft werden kann), Einladungen zu möglichst vielen Partys auf möglichst vielen Jachten (auf denen es möglichst viele Visitenkarten zu ergattern gilt) oder zu den begehrten Formel-1-Rennen, wo wie derum die Mächtigen erscheinen und wo dann vielleicht die große Chance wartet. Der Preis dafür ist, dass man sich unzählige Male die gleiche plumpe Anmache gefallen lassen muss. »Parfüms« nennen die jungen Schauspieler auch die älteren Millionärinnen mit ihren Schönheitsoperationen und ihrem Botox. Immerhin sind die Millionärinnen intelligenter als die Millionäre, denn sie vertun keine Zeit: Sie treffen erst in den letzten Tagen des Festivals ein und wissen, dass die Macht ihrer Verführung einzig im Geld liegt. Sie haben nicht die Illusionen der männlichen »Parfüms«, die sich vormachen, dass sie die langbeinigen Mädchen mit den jungen Gesichtern verführen und sie dann nach Gutdünken manipulieren können. Die weiblichen »Parfüms« vertrauen auf die Macht ihrer Brillanten, und nur darauf.
Igor weiß das alles nicht. Er ist zum ersten Mal zum Festival nach Cannes gekommen. Und hat gerade zu seiner Verblüffung festgestellt, dass niemand besonders an Filmen interessiert ist – außer den Leuten in dieser Bar. Er blättert in ein paar Zeitschriften, öffnet einen Briefumschlag und sieht nach, zu welchen Partys ihm seine Firma Einladungen beschafft hat. Vor seiner Abreise nach Frankreich hatte er versucht, Näheres über die Filme zu erfahren, die dort im Wettbewerb gezeigt wurden, und sich gewundert, dass es nur wenige Informationen darüber gab. Bis ein Freund zu ihm gemeint hatte:
»Vergiss die Filme! Cannes ist eine Modenschau.«
Die Mode. Viele Menschen glauben, dass Mode etwas ist, was mit jeder Jahreszeit wechselt. Dass die Festivalbesucher aus allen Ecken der Welt nur hergekommen sind, um ihre Kleider, ihre Juwelen, ihre Schuhsammlungen zu zeigen. Sie haben ja keine Ahnung. Die Mode ist nur eine Art zu sagen: Ich bin Teil deiner Welt. Ich trage die Uniform deiner Armee, schieß nicht in meine Richtung. Seit Menschen zum ersten Mal in Gruppen in Höhlen zusammenlebten, ist die Mode eine Sprache, die alle verstehen, auch wenn sie einander nicht kennen: Wir ziehen uns auf die gleiche Art an und signalisieren so, dass wir zum selben Stamm gehören. Als Angehörige eines Stammes kämpfen wir gegen andere Stämme, und so überleben wir.
Heute glauben manche, die Mode sei alles. Alle sechs Monate geben sie ein Vermögen aus, um ein winziges Detail an ihrem Kleidungsstil zu ändern und so weiterhin zum exklusiven Stamm der Reichen zu gehören. Bei einem Besuch im Silicon Valley, wo die Milliardäre der Informationsindustrie Plastikuhren und abgewetzte Hosen tragen, würden sie eine ganz andere Welt kennenlernen. Dort scheinen alle derselben Gesellschaftsschicht anzugehören, keiner interessiert sich für Diamanten, Krawattenmarken, Aktenkoffermodelle. Krawatten und Aktenkoffer gibt es im Übrigen in jener Welt überhaupt nicht, obwohl sie nicht weit von Hollywood liegt, dieser mächtigen Bilderfabrik, die es immer noch schafft, naive Menschen glauben zu lassen, dass Haute-Couture-Kleider, Diamantcolliers, riesige Limousinen wichtig seien. Und wer hätte, wo die Klatschblätter voll davon sind, ein Interesse daran, dieser milliardenschweren Industrie den Garaus zu machen, die immer neue unnötige Trends lanciert und immer gleiche Cremes nur mit anderen Etiketts versieht.
Lächerliche Kreaturen. Igor kann seinen Abscheu nicht verhehlen, den er denjenigen gegenüber empfindet, die Millionen von arbeitsamen, ehrlichen Männern und Frauen ständig neue unnötige Produkte andrehen wollen: Menschen, die einfach nur ihren Alltag meistern wollen.
Perverse Kreaturen. Überall auf der Welt versammeln sich Familien um den Abendbrottisch, alles scheint in Ordnung zu sein. Aber dann tritt per Fernsehen die Superklasse in ihr Leben und will ihnen unrealistische Träume von Luxus, Schönheit und Macht verkaufen. Und bedroht damit die Familie.
Väter verbringen dann schlaflose Nächte mit Überstunden, um dem Sohn das neue Turnschuhmodell kaufen zu können, weil dieser sonst in der Schule zum Außenseiter gestempelt wird. Ehefrauen sind frustriert, weil andere Frauen Markenklamotten tragen, die sie sich selbst nicht leisten können. Jugendliche kennen die wahren Werte von Glauben und Hoffnung nicht mehr und wollen Superstar werden. Die jungen Mädchen vom Land wollen wie die Stars leben und in die große Stadt gehen, wo sie alles, wirklich alles tun, um ein Stückchen Luxus zu ergattern. Eine Welt, die sich um Gerechtigkeit kümmern sollte, kreist um etwas Materielles, das schon in einem halben Jahr nicht mehr angesagt ist und durch etwas anderes ersetzt werden muss, und so kann sich der Zirkus jener verachtenswerten Kreaturen, die sich jetzt in Cannes tummeln, weiterhin an der Spitze der Welt halten.
Igor lässt sich selbstverständlich nicht von dieser zerstörerischen Macht beeinflussen. Er hat immer noch eine Arbeit, um die er zu beneiden ist. Er verdient immer noch mehr Geld am Tag, als er in einem Jahr ausgeben kann, auch wenn er sich vornehmen würde, sich alle nur erdenklichen legalen und illegalen Genüsse zu erlauben. Er hat keine Schwierigkeiten, eine Frau zu verführen, noch bevor sie weiß, ob er ein reicher Mann ist oder nicht – das hat er schon viele Male ausprobiert, und es hat immer geklappt. Er ist gerade 40 geworden, ist gesundheitlich fit. Bei seinem jährlichen Check-up ist wieder mal nichts gefunden worden. Er hat keine Schulden. Er hat es nicht nötig, bestimmte Designerlabels zu tragen oder in angesagten Restaurants zu verkehren, die Ferien an dem Strand zu verbringen, »an den alle fahren«, und er muss auch nicht ein bestimmtes Uhrenmodell kaufen, nur weil ein erfolgreicher Sportler dazu rät. Er kann wichtige Verträge mit einem Kugelschreiber unterschreiben, der nur wenige Cent gekostet hat, bequeme Jacketts tragen, die in einem kleinen Laden neben seinem Büro ohne irgendein sichtbares Etikett mit der Hand angefertigt werden.
Vielleicht liegt gerade darin das Problem: Seine Arbeit begeistert ihn. Und er glaubt zu wissen, dass aus ebendiesem Grund die Frau, die vor ein paar Stunden in die Bar gekommen war, nicht an seinem Tisch sitzt. Er hängt weiter seinen Gedanken nach. Bestellt bei Kristelle noch einen Whisky – er kennt den Namen der Kellnerin, weil sie vor einer Stunde, als noch nicht so viel los war (weil die meisten anderen Gäste noch anderswo beim Dinner saßen) und er seinen ersten Whisky bestellte, zu ihm gesagt hatte, er wirke traurig, ob er nicht zur Aufmunterung etwas essen wolle. Er hatte sich für ihre Fürsorglichkeit bedankt und sich darüber gefreut, dass jemandem sein Wohlergehen am Herzen lag.
Vielleicht ist er ja der Einzige, der weiß, wie die Bedienung heißt. Die anderen Gäste interessieren sich bestimmt nur für die Namen und die berufliche Stellung der Gäste an den Tischen oder in den Lehnsesseln.
Inzwischen ist es schon nach drei Uhr morgens – und die schöne Frau und der höfliche Mann, der ihm im Übrigen sehr ähnlich sieht, sind nicht wieder aufgetaucht. Sie sind vermutlich direkt aufs Zimmer gegangen und lieben sich jetzt, vielleicht trinken sie aber auch noch Champagner auf einer der Jachten, auf denen die Partys erst losgehen, wenn sie überall sonst zu Ende gegangen sind. Vielleicht aber liegen die beiden auch nur Seite an Seite im Bett, lesen Zeitschriften und schauen einander nicht an.
Das ist unwichtig. Igor ist allein, müde, er muss schlafen.
Copyright © 2009
Diogenes Verlag AG Zürich
ISBN 978 3 257 06719 4
Verwendung mit freundl. Genehmigung im Rahmen der Aktion "Buchliebling 2010"
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