Paolo Giordano
Die Einsamkeit der Primzahlen
368 Seiten, Blessing
In einer ebenso klaren wie poetischeindringlichen Sprache erzählt Paolo Giordano die Geschichte von Alice und Mattia, die wie Primzahlzwillinge nahe beieinanderstehen und doch immer durch eine Winzigkeit getrennt bleiben. Komplexe Seelenzustände schildert er so genau, dass sie fassbar werden und uns tief berühren. Paolo Giordano findet unvergessliche Bilder für die verschlungenen Wege, auf denen die Dramen der Kindheit in uns fortwirken. Seine Prosa verwandelt auf magische Weise Schmerz in Trost.
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Leseprobe
1
Alice Della Rocca hasste die Skischule. Sie hasste den Wecker, der auch jetzt in den Weihnachtsferien morgens früh um halb acht klingelte, und ebenso ihren Vater, der ihr beim Frühstücken zusah und dabei nervös mit dem Bein unter der Tischplatte wippte, wie um zu sagen: Los, beeil dich doch endlich. Sie hasste die Strumpfhose, die an den Oberschenkeln kratzte, die Skihandschuhe, in denen sie die Finger nicht bewegen konnte, den Helm, der ihre Wangen zusammenkniff und dessen Metallschnalle sich in ihren Unterkiefer bohrte, und vor allem diese Skischuhe, die viel zu eng waren und in denen sie wie ein Gorilla lief.
»Was ist denn? Trink doch endlich mal die Milch aus!«, drängte ihr Vater weiter. Und so kippte Alice eine halbe Tasse heiße Milch hinunter, die ihr zuerst die Zunge, dann die Speiseröhre und schließlich den Magen verbrannte.
»Na also. Und heute zeigst du ihnen mal, wer du bist«, sagte er.
Und wer bin ich?, dachte sie. Dann schob er sie hinaus, eingemummt in den grünen, mit Abzeichen und phosphoreszierenden Sponsorenlogos übersäten Skianzug. Um diese Tageszeit war es zehn Grad minus draußen, und die Sonne war nur eine dunkle Scheibe im Grau des Nebels, der alles umhüllte. Alice spürte, wie die Milch in ihrem Magen rotierte, während sie durch den tiefen Schnee stapfte, mit den Skiern auf der Schulter, die man selbst tragen musste, solange man nicht so gut war, dass andere sie für einen trugen.
»Halte die Spitzen nach hinten, sonst erstichst du noch jemanden«, forderte ihr Vater sie auf.
Am Ende der Saison schenkte der Skiclub jedem Mitglied eine Anstecknadel, die mit Sternchen besetzt war. Jedes Jahr ein Sternchen mehr. Die erste erhielt man mit vier Jahren, wenn man groß genug war, um den Liftbügel zwischen die Beine zu klemmen, die letzte, wenn man neun war und sich den Bügel selbst greifen konnte. Drei silberne Sternchen und dann drei goldene. Jedes Jahr eine neue Anstecknadel, die einem sagte, dass man näher herangekommen war an die Wettkämpfe, vor denen es Alice so grauste. Schon jetzt dachte sie daran, obwohl sie erst drei Sternchen besaß.
Treffpunkt war der Sessellift, punkt halb neun, wenn die Anlage geöffnet wurde. Alices Kameraden waren bereits eingetroffen. In einer Art Kreis standen sie da, wie kleine Soldaten eingemummelt in ihre Skiuniformen und starr vor Müdigkeit und Kälte. Sie hatten die Enden ihrer kurzen Skistöcke, die im Schnee staken, unter die Achseln geklemmt und stützten sich darauf. Mit ihren baumelnden Armen sahen sie aus wie eine Schar Vogelscheuchen. Keiner hatte Lust zu reden, am allerwenigsten Alice.
Ihr Vater versetzte ihr zwei übertrieben kräftige Schläge auf den Helm, als wolle er seine Tochter in den Schnee rammen. »Mach sie fertig. Und denk immer dran: Körpergewicht nach vorn, verstanden? Ge-wicht-nach-vorn.« Gewicht nach vorn, antwortete ihm das Echo in Alices Kopf.
Dann entfernte er sich, wobei er in seine zum Kelch zusammengelegten Hände hauchte. Schon bald würde er wieder in der warmen Stube sitzen und seine Zeitung lesen. Nach zwei Schritten hatte der Nebel ihn bereits verschlungen. Alice ließ ihre Ski so achtlos zu Boden fallen, dass sie, hätte ihr Vater es gesehen, auf der Stelle vor aller Augen ein paar hinter die Ohren bekommen hätte. Bevor sie die Skischuhe in die Bindung einrasten ließ, klopfte sie mit den Stöcken gegen die Sohlen, um die festklebenden Schneeplacken zu lösen. Es tröpfelte schon ein wenig. Wie eine Nadel, die sich in ihren Unterleib bohrte, spürte sie den Druck auf der Blase. Auch heute würde sie es nicht schaffen, das war ihr klar. Jeden Morgen die gleiche Geschichte. Jeden Morgen schloss sie sich nach dem Frühstück im Bad ein und presste und presste, um alle Flüssigkeit loszuwerden. Dann saß sie da und zog so fest die Eingeweide zusammen, dass ihr von der Anstrengung ein Stich durch den Kopf fuhr und sie das Gefühl hatte, die Augäpfel träten ihr aus den Höhlen, wie das Fruchtfleisch mancher Traubensorten, wenn man die Schale ausquetschte. Dazu drehte sie den Wasserhahn ganz auf, damit ihr Vater die Geräusche nicht hörte, und ballte die Fäuste beim Pressen, um auch noch das letzte Tröpfchen herauszudrücken. So blieb sie sitzen, bis ihr Vater gegen die Badtür pochte und rief: Los jetzt, Fräulein, mach mal fertig, wir sind schon wieder zu spät.
Aber es nützte alles nichts. Nach der Fahrt auf dem Sessellift musste sie immer so dringend, dass sie gezwungen war, die Skier zu lösen, um sich, ein wenig abseits, in den Neuschnee zu hocken. Sie tat so, als müsste sie die Schuhe fester schnallen, während sie in Wirklichkeit Pipi machte. Sie schaufelte ein wenig Schnee um die eng geschlossenen Beine zusammen und ließ es einfach laufen, machte sich in den Skianzug, in die Strumpfhose, während alle Kameraden zusahen und Eric, der Skilehrer, stöhnte: Jetzt müssen wir wieder mal auf Alice warten.
Wirklich eine Erleichterung, dachte sie jedes Mal, wenn sich diese angenehme Wärme zwischen ihren verfrorenen Beinen ausbreitete. Oder es wäre eine Erleichterung, wenn mir nicht alle dabei zusähen, dachte sie.
Irgendwann werden sie es merken.
Irgendwann wird ein gelber Fleck im Schnee zurückbleiben. Und dann werden mich alle damit aufziehen. Einer der Väter trat jetzt auf Eric zu und fragte, ob der Nebel an diesem Morgen nicht zu dicht sei, um hinaufzufahren. Alice horchte auf, von leiser Hoffnung erfüllt, doch Eric konterte mit seinem perfekten Lächeln. »Neblig ist es nur hier unten«, erklärte er. »Oben beim Gipfel knallt eine Sonne, dass es die Felsen sprengt. Auf jetzt! Los geht’s.« Auf dem Sessellift bildete Alice ein Pärchen mit Giuliana, der Tochter eines Kollegen ihres Vaters. Die ganze Strecke über wechselten sie kein Wort miteinander. Dabei waren sie sich weder sympathisch noch unsympathisch. Sie hatten einfach nichts gemeinsam, höchstens die Tatsache, dass sie nicht da sein wollten, wo sie jetzt gerade waren.
Die einzigen Geräusche waren das Rauschen des Windes, der über den Gipfel des Mont Fraitève fegte, sowie das gleichmäßige metallische Surren des Stahlseils, an dem Alice und Giuliana hingen, das Kinn tief im Jackenkragen verborgen, um sich mit dem eigenen Atem zu wärmen.
Das ist nur die Kälte, du musst nicht schon wieder, versuchte sich Alice zu beruhigen.
Doch je näher der Gipfel kam, desto tiefer bohrte sich diese Nadel, die sie im Bauch spürte, in ihr Fleisch. Ja, schlimmer noch, ein beunruhigender Druck kam hinzu. Nein, das ist nur die Kälte, du musst nicht schon wieder. Das kann nicht sein, du hast ja gerade erst gemacht. Ein Schwall säuerlicher Milch stieß ihr bis zum Kehldeckel auf. Angeekelt schluckte Alice sie wieder hinunter. Sie musste unbedingt, sie musste so dringend, dass es nicht zum Aushalten war.
Noch zwei weitere Fahrten bis zur Hütte, dachte sie. So lange kann ich es unmöglich zurückhalten. Giuliana hob den Sicherheitsbügel an, und beide schoben das Gesäß ein wenig nach vorn, um sich zum Absteigen fertig zu machen. Als ihre Skier den Boden berührten, stieß Alice sich mit einer Hand vom Sitz ab.
Über zwei Meter hinaus war nichts zu sehen. Von wegen Sonne, die die Felsen sprengte. Alles war weiß, oben, unten, an den Seiten, nichts als Weiß. Ein Gefühl, als wäre man in ein Leintuch gehüllt, das exakte Gegenteil von Finsternis, aber Alice machte es genauso viel Angst.
Sie rutschte an den Rand der Piste, um sich ein Hügelchen frischen Schnees zu suchen, hinter dem sie sich erleichtern konnte. Ihre Gedärme gaben Geräusche wie eine laufende Spülmaschine von sich. Giuliana war schon nicht mehr zu sehen, also konnte diese sie auch nicht sehen. Sie kletterte ein paar Meter den Hang hinauf, im Grätenschritt, wie ihr Vater es von ihr verlangte, seit er es sich in den Kopf gesetzt hatte, dass sie Skifahren lernen musste. Die Kinderpiste hinauf und hinunter, dreißig, vierzig Mal an einem Tag. Hoch gegrätscht, und runter im Pflug, denn einen Skipass für nur eine Piste zu kaufen, wäre reine Geldverschwendung gewesen, und zudem konnte sie auf diese Weise die Beinmuskeln trainieren. Alice löste die Skier und machte noch ein paar Schritte, wobei sie bis über die Waden im Schnee versank. Endlich war sie in die Hocke gegangen. Sie hielt nicht mehr den Atem an und entspannte die Muskeln. Ein angenehmer Stromschlag durchfuhr ihren ganzen Körper und setzte sich in den Zehenspitzen fest.
Es musste von der Milch kommen, ja, mit Sicherheit war die Milch daran schuld. Oder auch die Tatsache, dass ihr die Pobacken abfroren, während sie so über zweitausend Metern Höhe im Schnee hockte. Jedenfalls war ihr das noch nie passiert, zumindest nicht, solange sie sich erinnern konnte. Niemals, nicht ein einziges Mal.
Sie machte sich in die Hose. Kein Pipi. Oder genauer, nicht nur Pipi. Alice kackte sich in die Hose, um Punkt neun Uhr an einem Januarmorgen. Es ging in die Unterhose, ohne dass sie es recht bemerkte. Zumindest nicht bis zu dem Moment, da sie Erics Stimme hörte, der von irgendwoher in der dichten Nebelmasse nach ihr rief.
Erst als sie aufsprang, spürte sie etwas Schweres im Schritt ihrer Unterhose. Unwillkürlich griff sie sich an den Hintern, doch durch den dicken Handschuh ließ sich nichts ertasten. Aber das war auch nicht mehr nötig, sie hatte es ohnehin schon begriffen.
Was mache ich denn jetzt?
Wieder rief Eric nach ihr. Alice antwortete nicht. Solange sie hierblieb, würde der Nebel sie vor den Blicken der anderen verbergen. Sie konnte die Hose ihres Skianzugs herunterlassen und sich notdürftig mit Schnee den Hintern säubern. Oder sie könnte zu Eric gehen und ihm ins Ohr flüstern, was ihr da passiert war. Sie hätte ihm auch sagen können, dass ihr ein Knie wehtue und sie runter ins Dorf müsse. Oder sie könnte so tun, als wenn nichts geschehen wäre, und versuchen, mit den anderen Ski zu fahren, wobei sie darauf achten musste, dass sie nicht den Anschluss verlor.
Stattdessen blieb sie hocken, wo sie war, im Schutz des Nebels, darauf bedacht, nicht die kleinste Bewegung zu machen. Zum dritten Mal rief Eric jetzt nach ihr, diesmal noch lauter.
»Die ist so blöd, die ist bestimmt schon zum Skilift weiter«, antwortete ein Junge an ihrer Stelle.
Alice hörte Stimmengewirr. Lasst uns gehen, sagte jemand, bei dem Rumstehen wird mir kalt, ein anderer. Sie konnten ganz in der Nähe sein, nur ein paar Meter entfernt, oder auch noch bei der Station der Sesselbahn. Der Nebel täuschte, die Klänge hallten von den Felsen wider, wurden vom Schnee verschluckt.
»Verflixt noch mal, was macht die nur …? Wir müssen nach ihr schauen«, hörte sie wieder Erics Stimme. Alice zählte langsam bis zehn und unterdrückte dabei den Brechreiz, der sie überkommen hatte, als sie diese klebrigweiche Masse die Oberschenkel hinunterrinnen spürte. Bei zehn angekommen, begann sie noch einmal von vorn und zählte nun bis zwanzig. Jetzt war kein Geräusch mehr zu hören.
Copyright © 2009
Karl Blessing Verlag, München,
ISBN 978-3-89667-397-8
Verwendung mit freundl. Genehmigung im Rahmen der Aktion "Buchliebling 2010"
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