Der dunkle Wächter (Carlos Ruiz Zafón) S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Carlos Ruiz Zafón

Der dunkle Wächter


352 Seiten, Fischer Schatzinsel

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Kurzbeschreibung

Nach düsteren Tagen wünscht sich Irene das Glück des Sommers. Mit dem Jungen Ismael scheint alles perfekt. Doch der Spielzeugfabrikant, der Irenes Mutter auf seinen Landsitz Cravenmoore geholt hat, hegt ein Geheimnis. Einige Zimmer dürfen nie betreten werden. Bald jagen dunkle Schatten durchs Haus. Cravenmoore entpuppt sich als Ort des Schreckens. Irene und Ismael kämpfen im größten Abenteuer ihres Lebens um ihre Liebe ... 

Leseprobe 

Eine sanfte Brise wehte von See und strich durch den dichten Wald rund um Cravenmoore. Das verborgene Wispern der Blätter begleitete die Schritte von Simone und ihren Kindern auf dem Pfad, der durch den Wald führte, ein regelrechter Tunnel, der in das dunkle, unergründliche Dickicht geschlagen war. Das bleiche Antlitz des Mondes lugte hinter dem Leichentuch aus dunklen Schatten hervor, das über dem Wald lag. Die Rufe der Vögel, die in den Kronen der gewaltigen, hundertjährigen Bäume nisteten, vereinten sich zu einer beunruhigenden Litanei.
»Dieser Ort macht mir Gänsehaut«, bemerkte Irene.  »Ach was«, fiel ihre Mutter ihr ins Wort. »Es ist einfach nur ein Wald. Vorwärts.«
Dorian, der die Nachhut bildete, betrachtete schweigend die Schatten des Waldes. Die Dunkelheit formte bedrohliche Schemen und befeuerte seine Phantasie, die in ihnen Dutzende von teuflischen, auf der Lauer liegenden Kreaturen sah.

»Bei Tageslicht ist hier nichts weiter als Gestrüpp und Bäume«, wiegelte Simone Sauvelle ab und pulverisierte den flüchtigen Zauber, dem Dorian nachhing. Einige Minuten später, nach einer nächtlichen Wanderung, die Irene endlos vorkam, standen sie vor der eindrucksvollen, verwinkelten Silhouette von Cravenmoore, das wie ein Märchenschloss aus dem Nebel auftauchte. Die Fenster des riesigen Anwesens von Lazarus Jann waren von goldenem Licht erleuchtet. Das Heer von Wasserspeiern zeichnete sich vor dem Himmel ab. Etwas abseits war die Spielzeugfabrik zu erkennen, ein Seitentrakt der Villa.
Simone und ihre Kinder blieben am Waldrand stehen, um die überwältigende Größe der Residenz des Spielzeugfabrikanten auf sich wirken zu lassen. In diesem Augenblick flatterte ein Vogel - ein Rabe, wie es schien - aus dem Gebüsch und flog eine neugierige Runde über dem Park, der Cravenmoore umgab. Der Vogel kreiste über einem der steinernen Brunnen und ließ sich schließlich zu Dorians Füßen nieder. Nachdem er aufgehört hatte, mit den Flügeln zu schlagen, wiegte er sich langsam hin und her, bis er schließlich reglos sitzen blieb. Der Junge ging in die Hocke und streckte langsam seine rechte Hand nach dem Tier aus. »Sei vorsichtig«, warnte ihn Irene.

Dorian hörte nicht auf ihren Rat und strich dem Raben übers Gefieder. Der Vogel rührte sich nicht. Der Junge nahm ihn in die Hände und breitete seine Flügel aus. Ein Ausdruck der Verblüffung überschattete sein Gesicht. Nach einigen Sekunden wandte er sich zu Irene und Simone um.
»Er ist aus Holz«, murmelte er.  »Es ist eine Maschine. «
Die drei warfen sich schweigende Blicke zu. Simone seufzte und sagte dann zu ihren Kindern:
»Wir wollen einen guten Eindruck hinterlassen, ja?« Diese nickten. Dorian stellte den Holzvogel wieder auf den Boden. Simone Sauvelle lächelte, und auf ihr Nicken hin stiegen die drei die geschwungene Freitreppe aus weißem Marmor hinauf, die zu dem mächtigen Bronzeportal führte, hinter dem sich die geheime Welt des Lazarus Jann verbarg.

Die Türen von Cravenmoore öffneten sich vor ihnen, ohne dass sie den eigentümlichen bronzenen Türklopfer in Gestalt eines Engelsgesichts betätigen mussten. Ein intensiver goldener Lichtschein drang aus dem Inneren des Hauses. In der Helligkeit zeichnete sich eine reglose Silhouette ab. Plötzlich erwachte die Gestalt zum Leben und neigte den Kopf, während gleichzeitig ein mechanisches Rattern zu hören war. Leblose Augen starrten sie an, hohle Glaskugeln, eingelassen in eine Maske, deren einziger Ausdruck ein schauriges Grinsen war.
Dorian schluckte. Irene und ihre Mutter, die leichter zu beeindrucken waren, wichen einen Schritt zurück. Die Gestalt streckte ihnen eine Hand entgegen und erstarrte dann wieder.

»Ich hoffe, Christian hat Sie nicht erschreckt. Er ist eine frühe, plumpe Schöpfung.«
Die Sauvelles wandten sich zu der Stimme um, die vom Fuß der Treppe aus zu ihnen sprach. Ein freundliches Gesicht, dem ein glückliches Alter beschieden schien, lächelte ihnen mit einer gewissen Verschmitztheit zu. Die Augen des Mannes waren blau und blitzten unter einem dichten, sorgfältig gescheitelten Haarschopf hervor. Der Mann, formvollendet gekleidet und mit einem Gehstock aus bemaltem Ebenholz in der Hand, trat näher und bedachte sie mit einer respektvollen Verbeugung.
»Mein Name ist Lazarus Jann, und ich glaube, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen«, sagte er.

Seine Stimme klang warm und gütig, eine Stimme, in der etwas Beruhigendes und merkwürdig Gelassenes lag. Seine großen blauen Augen betrachteten aufmerksam jedes einzelne Familienmitglied und blieben schließlich auf Simones Gesicht ruhen.
»Ich habe meinen gewohnten Abendspaziergang durch den Wald unternommen und mich verspätet. Madame Sauvelle, wenn ich nicht irre«
»Sehr erfreut, Monsieur.«
»Bitte nennen Sie mich Lazarus.«
Simone nickte.

»Das ist meine Tochter Irene. Und das ist Dorian, das Nesthäkchen der Familie.«
Lazarus Jann reichte beiden freundlich die Hand. Sein Händedruck war fest und angenehm, sein Lächeln ansteckend.

»Nun, was Christian betrifft, vor dem brauchen Sie wirklich keine Angst zu haben. Ich behalte ihn als Erinnerung an meine Anfangszeit. Er ist plump und sieht alles andere als freundlich aus, ich weiß.« »Ist er eine Maschine?«, fragte Dorian fasziniert. Simones tadelnder Blick kam zu spät. Lazarus lächelte dem Jungen zu.
»So könnte man es nennen. Technisch gesehen ist Christian das, was wir einen Automaten nennen.«
»Haben Sie ihn gebaut, Monsieur?«
»Dorian!«, schalt seine Mutter. Lazarus lächelte erneut. Offensichtlich störte ihn die Neugier des Jungen nicht im Geringsten.
»Ja. Ihn und viele andere. Das ist oder vielmehr war mein Beruf. Aber das Abendessen wartet. Was halten Sie davon, wenn wir das alles bei einem guten Happen besprechen und uns so besser kennenlernen?« Köstlicher Bratenduft stieg ihnen in die Nase wie ein Zauberelixier. Selbst ein Stein hätte ihre Gedanken lesen können.

Doch der überraschende Empfang durch den Automaten und die überwältigende Außenansicht von Cravenmoore waren nur ein Vorgeschmack darauf, was die Sauvelles im Inneren von Lazarus Janns Villa erwartete. Kaum waren sie über die Schwelle getreten, als die drei in eine phantastische Welt eintauchten, die weit über ihre kühnsten Vorstellungen hinausging.

Eine prunkvolle Treppe schien sich spiralförmig ins Endlose hinaufzuwinden. Wenn sie den Blick nach oben richteten, sahen die Sauvelles einen hohen Raum, der bis in die zentrale Kuppel von Cravenmoore hinaufreichte. Eine Laterna magica tauchte das Innere des Hauses in ein diffuses, gebrochenes Licht. Von diesem gespenstischen Schimmern übergossen, war eine schier endlose Galerie mechanischer Geschöpfe zu erkennen. Eine große Standuhr mit Augen und einer karikaturenhaften Grimasse grinste den Besuchern entgegen. Eine Ballerina im luftigen Schleier drehte sich in der Mitte eines ovalen Raumes, in dem jeder Gegenstand, jedes Detail Teil einer von Lazarus Jann geschaffenen Welt war.

Die Türknäufe zierten fröhlich lachende Gesichter, die mit den Augen zwinkerten, wenn man daran drehte. Ein großer Uhu mit prächtigem Gefieder zeigte seine gläsernen Pupillen und schlug im Dämmerlicht langsam mit den Flügeln. Dutzende, wenn nicht gar Hunderte von Miniaturen und Spielzeugen füllten endlose Wände und Vitrinen, für deren Erkundung man ein ganzes Leben gebraucht hätte. Ein niedliches mechanisches Hündchen wedelte mit dem Schwanz und kläffte einer vorbeihuschenden Blechmaus hinterher. Von der unsichtbaren Decke hing ein Mobile aus Feen, Drachen und Sternen herab und tanzte um ein Schloss, das zum fernen Klang einer Spieluhr inmitten von Wattewolken schwebte...

Wohin sie auch sahen, entdeckten die Sauvelles immer neue Wunder, immer neue unglaubliche Schöpfungen, die alles je Gesehene übertrafen. Unter Lazarus' amüsiertem Blick blieben die drei minutenlang stehen, in einem Zustand völliger Verzauberung gefangen.
»Es ist... es ist wunderbar!«, sagte Irene, die ihren Augen nicht traute.
»Nun, das ist erst die Eingangshalle. Aber es freut mich sehr, dass sie Ihnen gefällt«, erklärte Lazarus, während er sie zu dem großen Speisesaal von Cravenmoore führte.

Dorian, dem es die Sprache verschlagen hatte, betrachtete alles mit tellergroßen Augen. Simone und Irene, die nicht minder beeindruckt waren, gaben sich alle Mühe, nicht völlig jenem hypnotischen Traumzustand zu verfallen, den das Haus hervorrief Der Saal, in dem das Abendessen aufgetragen wurde, stand der Eingangshalle in nichts nach. Von den Gläsern bis zum Besteck, von den Tellern bis zu den kostbaren Teppichen, die den Boden bedeckten, trug alles den Stempel von Lazarus Jann. Nicht ein einziger Gegenstand im Haus schien der grauen, so schrecklich normalen wirklichen Welt anzugehören, die sie mit dem Betreten dieses Hauses hinter sich gelassen hatten. Dabei entging Irene nicht das riesige Porträt, das über dem Kamin hing, dessen Flammen aus den Mäulern mehrerer Drachen flackerten. Es zeigte eine betörend schöne Dame im weißen Kleid. Ihr Blick war von solcher Eindringlichkeit, dass die Grenze zwischen der Wirklichkeit und dem Pinselstrich des Künstlers verschwamm. Irene versank sekundenlang in diesem magischen, bezaubernden Blick.

»Meine Frau Alexandra ... als sie noch bei guter Gesundheit war. Es waren wunderbare Zeiten«, sagte Lazarus hinter ihr mit einer Stimme, die von Melancholie und Resignation umhüllt war.

Das Essen bei Kerzenschein verlief angenehm. Lazarus Jann entpuppte sich als exzellenter Gastgeber, der rasch mit Scherzen und allerlei Schnurren die Sympathie von Dorian und Irene gewann. Im Verlauf des Abends erzählte er ihnen, dass die köstlichen Gerichte, die sie genossen, von Hannah zubereitet worden seien, einem Mädchen in Irenes Alter, das als Köchin und Zimmermädchen für ihn arbeite. Nach wenigen Minuten verschwand die anfängliche Anspannung, und alle beteiligten sich an der lockeren Unterhaltung, die der Spielzeugfabrikant mit unaufdringlicher Geschicklichkeit entspann.

Als sie zum zweiten Gang kamen, einem Truthahnbraten, Hannahs Spezialität, hatten die Sauvelles das Gefühl, es mit einem alten Bekannten zu tun zu haben. Zu ihrer Beruhigung stellte Simone fest, dass die Sympathie zwischen ihren Kindern und Lazarus auf Gegenseitigkeit beruhte und auch sie sich seinem Charme nicht entziehen konnte.

Zwischen zahlreichen Anekdoten gab Lazarus ihnen hilfreiche Erläuterungen zum Haus und den Aufgaben, die mit der neuen Stelle verbunden waren. Freitags hatte Hannah ihren freien Abend, den sie bei ihrer Familie, einfachen Leuten, in Baie Bleue verbrachte. Lazarus kündigte jedoch an, dass sie Gelegenheit haben würden, sie kennenzulernen, sobald sie wieder zur Arbeit kam. Hannah war neben Lazarus und seiner Frau die einzige Person, die auf Cravenmoore lebte. Sie würde ihnen dabei helfen, sich einzuleben, und ihnen bei allen Fragen bezüglich des Hauses zur Verfügung stehen.

Beim Nachtisch, einer unwiderstehlichen Himbeertorte, begann Lazarus zu erklären, was er von ihnen erwartete. Obwohl im Ruhestand, arbeite er nach wie vor gelegentlich in der Spielzeugwerkstatt. Sowohl zur Fabrik als auch zu den Zimmern der oberen Stockwerke sei ihnen der Zugang verboten. Sie dürften sie unter keinen Umständen betreten. Dies gelte insbesondere für den Westflügel des Hauses, in dem sich die Räumlichkeiten seiner Frau befänden.

Alexandra Jann litt seit mehr als zwanzig Jahren an einer seltsamen, unheilbaren Krankheit, die sie zwang, absolute Bettruhe zu halten. Sie lebte zurückgezogen in ihrem Zimmer im zweiten Stock des Westflügels, das nur ihr Mann betrat, um sich um sie zu kümmern und ihr alle Pflege angedeihen zu lassen, die sie in ihrem Zustand benötigte. Der Spielzeugfabrikant erzählte ihnen, wie sich seine Frau, damals eine lebensfrohe, jugendliche Schönheit, die mysteriöse Krankheit auf einer Reise durch Mitteleuropa zugezogen habe. Der Virus, gegen den es offenbar keine Heilung gab, hatte zusehends von ihr Besitz ergriffen. Bald konnte sie kaum noch gehen oder einen Gegenstand festhalten. Binnen sechs Monaten verschlechterte sich ihr Zustand derart, dass sie zur Invalidin wurde, ein trauriges Abbild der Person, die er nur wenige Jahre zuvor geheiratet hatte. Ein Jahr nach dem Ausbruch der Krankheit begann das Gedächtnis der Erkrankten nachzulassen, und nach wenigen Wochen war sie kaum noch imstande, ihren eigenen Ehemann zu erkennen. Dann hörte sie auf zu sprechen, und ihr Blick starrte ins Leere. Alexandra Jann war zu diesem Zeitpunkt sechsundzwanzig Jahre alt. Seit jenem Tag hatte sie Cravenmoore nicht mehr verlassen.

Die Sauvelles lauschten Lazarus’ trauriger Erzählung mit respektvollem Schweigen. Der Fabrikant, den die Erinnerung und die zwei Jahrzehnte voller Einsamkeit und Leid sichtlich aufwühlten, versuchte dem Ganzen die Schwere zu nehmen, indem er das Gespräch auf Hannahs köstliche Torte lenkte. Doch die traurige Bitternis in seinem Blick blieb Irene nicht verborgen.

Es fiel ihr nicht schwer, sich Lazarus Janns Rückzug ins Nirgendwo vorzustellen. Nachdem ihm das genommen worden war, was er am meisten liebte, hatte sich Lazarus in seine Phantasiewelt zurückgezogen und Hunderte von Wesen und Objekten geschaffen, um mit ihnen die tiefe Einsamkeit auszufüllen, die ihn umgab.

Copyright © 2009
S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main
ISBN 978-3-596-85388-5
Verwendung mit freundl. Genehmigung im Rahmen der Aktion "Buchliebling 2010"  

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